Skelettreste von einer rechten Hand vor dem Palast von Tell el-Dab’a, der aktuelle Name für das antike Avaris. (Foto: Axel Krause/Österreichisch Archäologisches Institut)

Und David gebot seinen jungen Männern; die brachten sie um und schlugen ihnen Hände und Füße ab und hängten sie auf am Teich von Hebron. Aber das Haupt Ischboseths nahmen sie und begruben es in Abners Grab in Hebron (2. Samuel 4,12).

Zunächst tauchten die Knöchel und Gelenke auf, dann die langen, starken Fingerknochen. Arbeiter vom Österreichisch Archäologischen Institut bürsteten die restliche Erde weg und legten so die verkalkten Reste eines Skeletts frei, das vor einem Palast im antiken Ägypten begraben worden war; wenn auch nur noch die rechte Hand übrig war. Sie war vor etwa 3500 Jahren vom Körper abgetrennt worden.

Archäologische Mitarbeiter haben kürzlich zwei rechte Hände entdeckt, jeweils in einer anderen Grube begraben, wahrscheinlich beide mit einer eigenen Zeremonie. Bevor man die offizielle Ausgrabung vornahm, entdeckten sie 14 weitere rechte Hände in zwei Gruben außerhalb des Palastgrunds. Teamleader nehmen an, dass diese wahrscheinlich später als die ersten zwei begraben worden waren.

[Video – Der Palast von Tell el-Dab’a rekonstruiert]

Dies war der erste physische Beweis eines Rituals, das in ägyptischen Hieroglyphen beschrieben wird und auch in anderen Ländern rund um das Mittelmeer praktiziert wurde – das Abtrennen der Hände eines besiegten Gegners. In Ägypten gab es Gold als Belohnung für eine abgetrennte rechte Hand, die man einem Befehlshaber brachte.

Eine Geschichte aus der Antike, berichtet auf der News-Website Live Science, beschreibt einen derartigen Brauch, als die Ägypter gegen die Hyksos kämpften, Eindringlinge aus West-Asien. „ ,Dann kämpfte ich Hand zu Hand. Ich nahm eine Hand mit. Es wurde dem königlichen Boten berichtet.’ Für seine Leistung erhielt der Schreiber das Tapferkeitsgold (Aus einer Übersetzung von James Henry Breasted, Ancient Records of Egypt, Volume II, 1905).“

„Unsere Belege sind die ersten und die einzigen physischen Belege überhaupt”, sagt Manfred Bietak in Bezug auf diese Praxis und die 16 abgetrennten Hände, die sein Team kürzlich ans Licht brachte. Bietak ist Projektleiter der Ausgrabungen im antiken Avaris. Sein Interview mit der Fachzeitschrift „Egyptian Archeology“ wurde auf Live Science zitiert.

Während Gold als Belohnung für den Sieg über einen Feind hauptsächlich ein aus Ägypten überlieferter Brauch ist, findet sich die Praxis, die Hand eines Gegners abzuschneiden, auch in anderen Ländern der antiken Welt. Zum Beispiel befahl Israels König David, dass man Männer, die Verrat begangen hatten, nach ihrem Tod verstümmelte.

Eine zweite „rechte Hand” wurde in einer Einzelgrube auf dem Palastgrundstück von Avaris gefunden. Laut Tradition war es so, dass siegreiche Krieger die Hände eines toten Feindes gegen eine goldene Belohnung eintauschen konnten. (Foto: Axel Krause/Österreichisch Archäologisches Institut)

Neben zwei Händen, die man in zwei Gruben vor dem Palast fand, entdeckten Archäologen außerhalb des Palastgrunds in zwei weiteren Gruben noch 14 andere rechte Hände. (Foto: Axel Krause/Österreichisch Archäologisches Institut)

Und David gebot seinen jungen Männern; die brachten sie um und schlugen ihnen Hände und Füße ab und hängten sie auf am Teich von Hebron (2. Samuel 4,12).

Die rechte Hand abgeschlagen zu bekommen, war nicht nur eine öffentliche Schande für den Verstorbenen, sondern auch ein deutliches Signal, nicht in seine Fußstapfen zu treten. Vielleicht beruhigte es auch die Lebenden, dass der Feind so aus dem Jenseits heraus nicht noch irgendeine ruchlose Tat begehen konnte.

„Man hatte ihm auf ewig seine Macht genommen”, erklärt Bietak.

Die Bedeutung von Avaris

Es ist bemerkenswert, dass diese Skelettreste inmitten einer heißen Diskussion zu den Ausgrabungen in Tell el-Dab’a (heutiger Name für eine vergrabende antike Stadt) rund um folgende Frage auftauchten: Haben die Israeliten je in Ägypten gelebt und es dann verlassen?

Projektleiter Manfred Bietak an der Ausgrabungsstätte Tell el-Dab’a. (© 2002 Patterns of Evidence, LLC)

Archäologe Bietak und weitere Forscher sind zu dem Schluss gekommen, dass es dafür kaum Belege gibt. Der Ägyptologe David Rohl widerspricht jedoch diese Ansicht und glaubt, dass sich bei den Ausgrabungen von Avaris sehr viele Belege dafür finden, dass dort Israeliten gelebt haben.

„Die meisten Wissenschaftler sagen, wenn man sich die Stadt Ramses ansieht, findet man dort keine Asiaten. Es gibt keine Semiten…”, sagt Rohl im Buch “Patterns of Evidence: Exodus“. Rohl bezieht sich dabei auf die jüngere Stadt an diesem Ort. Er erklärt weiter: „Aber wenn man mal etwas tiefer gräbt, findet man eine Stadt voller Asiaten.“ Diese Stadt ist Avaris, und die „Asiaten“ waren seiner Ansicht nach Israeliten. ANMERKUNG: Sowohl Ramses als auch Avaris lagen im Land Gosen, das in der Bibel als das Gebiet erwähnt wird, das der Pharao den Israeliten zuwies.

Das Land Ägypten steht dir offen; lass deinen Vater und deine Brüder am besten Ort des Landes wohnen! Im Land Gosen sollen sie wohnen… (1. Mose 47,6).

In diesem Bibelvers spricht der Pharao zu Josef, einem Israeliten, der nach ihm der zweite Befehlshaber im Land war.

Das Problem ist, dass viele Archäologen, einschließlich Manfred Bietak, glauben, dass man Belege der Israeliten in der Stadt Ramses finden müsste, zu einer Zeit, als die 19. Dynastie in Ägypten regierte – eine Zeit, die als Neues Reich bekannt ist.

Rohl und andere Gelehrte argumentieren dagegen, dass die Israeliten, nachdem sie sich nach ihrer Ankunft vermehrten und später zu Sklaven wurden, schon hunderte Jahre früher aus Ägypten geführt wurden – während Ägyptens 12. und 13. Dynastie. Diese Zeitperiode ist heute als Mittleres Reich bekannt.

Rekonstruktion der Stadt Avaris während der 13. Dynastie. Eine Szene aus dem Dokumentarfilm „Patterns of Evidence. Auf der Suche nach den Spuren des Exodus”. Die Animationen des Films basieren auf archäologischen Ausgrabungsberichten. (© 2015, Patterns of Evidence, LLC)

In Avaris zeigen die Belege, dass es eine kleine Gruppe von Siedlern aus der Gegend von Kanaan/Syrien gab, die sich auf jungfräulichem Boden niederließen, dann schnell zu einer großen Bevölkerung anwuchsen, plötzlich sehr harte Zeiten durchmachten (was zur Sklaverei passen würde) und dann Hals über Kopf den Ort verließen – zu einer Zeit, in der auch Ägyptens Macht drastisch einbrach.

Das alles passt sehr gut mit dem biblischen Bericht über den Exodus zusammen. Die Archäologie zeigt, dass Ägypten danach die Zweite Zwischenzeit (Übergang vom Mittleren zum Neueren Reich) durchmachte, als ihre Gesellschaft sehr schwach und zersplittert war. Es war wahrscheinlich diese Schwäche, die es den Hyksos ermöglichte, Ägypten vom Norden her einzunehmen und den größten Teil von Niederägypten mehr als ein Jahrhundert lang zu dominieren, bevor das Neue Reich entstand. Doch diese Belegmuster können nicht mit den Israeliten in Zusammenhang gebracht werden, solange Gelehrte darauf bestehen, dass die Israeliten hunderte Jahre später gelebt hätten. Sie meinen dann, alle offensichtlichen Parallelen seien nur Zufälle.

Man findet zwei wichtige Zeitphasen in Avaris: eine frühere Phase, die Rohl mit den Israeliten in Zusammenhang bringt, und eine spätere Phase, als die Hyksos, ein Volk aus einer Region in Kanaan, die weitgehend verlassene Stadt einnahmen. Die Gruppe der zweiten Phase wurde schließlich durch einen reichen Kaufmannsstand beherrscht, deren Besetzung begann, nachdem die Israeliten laut Rohls Auslegung weg waren. Wurden die Hyksos vielleicht aufgrund von Josuas Landnahme aus Kanaan vertreiben und nahmen das immer noch verwüstete Ägypten ein? David Rohls Recherchen haben mehrere signifikante Faktoren ans Licht gebracht, die diese Annahme unterstützen.

Glaubt Rohl, dass die Gruben in Avaris die Reste von israelitischen Händen enthielten oder die Hände ihrer Feinde? Nein.

„Diese fand man auf einer Ausgrabungsebene, die man mit der plötzlichen Post-Hyksos-Vertreibung assoziiert”, sagt er. Rohl bezieht sich auf die Zeit am Ende der Hyksos-Besetzung, als die aufsteigende Macht von Ägyptens 18. Dynastie schließlich die Hyksos aus Ägypten vertrieb.

Es bleibt zu hoffen, dass neue Funde in Avaris helfen, das Puzzle der verschiedenen Bewohnungsphasen an diesem Ort richtig zusammenzusetzen. Spektakulär wäre es, wenn man in den frühen Ebenen der Stadt antike Inschriften fände. Bisher hat man erst fünf Prozent des Ortes ausgegraben.

Für ein tieferes Diskussionsverständnis über die archäologischen Belege und Argumente dafür, dass Israel in der Tat die antike ägyptische Stadt Avaris in Gosen bewohnte, gehen Sie auf www.PatternsofEvidence.com.

oder auf unsere deutsche Seite: patternsofevidence.de

…und vor allem: Denken Sie weiter mit!